Treffen sich zwei Autist*innen. Sagt die eine: „Ich wurde neulich gefragt, was mein Gefühl zu einer Entscheidung ist. Ich konnte bis heute nicht antworten – ich finde einfach keins. Kennst du das?“
Lacht der andere: „Ja, das kenne ich. Wo andere ihr Gefühl haben, sitzt bei mir der Verstand.“
So oder ähnlich lässt sich auf humorvolle Weise ein gängiges Klischee über autistische Menschen darstellen: Autist*innen hätten keinen Zugang zu Gefühlen, seien „gefühllos“ und vor allem Verstandesmenschen. Wie viele Klischees berührt auch dieses etwas Reales – aber auf verzerrte Weise. Autistische Menschen artikulieren Gefühle häufig anders als nicht-autistische Menschen. Das heißt vor allem eins: Sie drücken Gefühle auf andere Weise aus – nicht, dass sie keine hätten.
Viele Autist*innen berichten, dass sie Gefühle anderer Menschen schwerer aus Mimik, Verhalten und impliziten Andeutungen erschließen können. Hilfreich ist für sie oft eine klare sprachliche Markierung wie „Ich bin froh, dass …“ – idealerweise kongruent begleitet durch Mimik, Gestik und Verhalten. Umgekehrt werden ihre eigenen Gefühle von anderen häufig unzureichend oder falsch wahrgenommen. Ein neutraler oder sachlicher Tonfall wird schnell als desinteressiert oder kalt interpretiert. Stilles Zuhören gilt als fehlende Anteilnahme. Das Erzählen einer eigenen, vergleichbaren Situation – oft „Black Catting“ genannt – wird als egozentrisch gedeutet, statt als Versuch, über eine persönlich relevante Analogie Empathie zu zeigen.
Aus meiner Praxis und meinem eigenen Erleben weiß ich: Autistische Menschen haben ein Gefühlsleben – oft ein sehr vielschichtiges und intensives. Die Freude an einem klaren Gedanken, das Aufatmen beim Erkennen von Zusammenhängen, das weite oder enge Gefühl bei intensiven Farben, der Schmerz grellen Lichts, die stille Zuneigung zu einem wichtigen Menschen, die Trauer bei Verlust und Zurückweisung. Was häufig fehlt, ist nicht das Gefühl, sondern das von vielen neurotypischen Menschen erwartete sprachliche Begleiten („Oh, wie schön …“, „Oh nein, wie schlimm“). Viel läuft über innere Logik: Wenn ich etwas spüre, ist es in mir und damit in der Welt – es braucht nicht zwingend Worte.
Aus Berichten und eigenen kommunikativen Unfällen kenne ich Situationen, in denen die logische Konsequenz in den Vordergrund rückt: Auf ein „Meine Katze ist gestorben!“ folgt spontan ein „Wie alt war sie denn?“ – und löst Entsetzen aus. Ein „Oh nein, wie schade“ als erster Satz wäre hier für viele ein wichtiger Brückenschlag. Die meisten autistischen Menschen haben sich im Lauf ihres Lebens eine Vielzahl solcher Brückenschläge abgeschaut und antrainiert. Die Fähigkeit zu Situationsanalyse und Mustererkennung kann hier – im besten Fall – zu sozialem Kapital werden. Sie birgt aber auch das Risiko von Masking, inkongruenter Kommunikation und Ausrutschern: etwa wenn die vorbereitete Smalltalk-Frage als zu persönlich erlebt wird oder ein gut gemeinter Witz eine wunde Stelle trifft. Neurotypisch ist für viele sogenannte „funktionale“ Autist*innen damit eine erlernbare, aber fehleranfällige Zweitsprache.
Beispiel eins: Oskar
Oskar besucht die sechste Klasse einer Gesamtschule. Er kommuniziert nur selten mit gesprochener Sprache, und wenn, dann in Einwortäußerungen. Vor allem in Pausen, wenn sich die Klassenraumtüren öffnen, die Gänge voll und laut werden, wird Oskar unruhig. „Er singt dann, wedelt mit den Armen, brummt oder knurrt andere Kinder weg, manchmal wird er auch aggressiv und schlägt“, berichten Lehrkräfte und wünschen sich, dass Oskar sprechen würde.
Doch Oskar spricht – nur nicht in der Sprache, die viele erwarten. Die äußere Unruhe führt durch sensorische Überforderung zu körperlicher und emotionaler Anspannung. Stimming – Lautieren, Wedeln, Drücken – hilft, diese Spannung zu regulieren. Forschung beschreibt solche Selbststimulationsbewegungen explizit als Form der Selbstberuhigung und als nonverbale Gefühlsäußerung, etwa für Überforderung, Aufregung oder Freude. Oskar drückt sich durch seine individuelle nonverbale Sprache aus und versucht, sein hochgefahrenes Nervensystem zu beruhigen.
Ich verbringe mittlerweile regelmäßig Zeit mit Oskar. In der Frühstückspause setze ich mich zu ihm. Auf unsere Weise halten wir Blickkontakt: Ich schaue auf einen Punkt an seiner Schulter, er auf einen Punkt an meiner. Ich spreche ihn ruhig mit seinem Namen an und lege meine Hand vor ihm auf den Tisch. Sein Blick wandert von meiner Schulter Richtung Stirn, seine Stimme wird ruhiger, sein Atem tiefer.
Seine Gesichtshaut bleibt zunächst gespannt. Diese Spannung spüre ich auch in seiner Hand, wenn er meine Hand mehrmals kurz drückt. Es ist, als würde die Anspannung wie ein Strom über unsere Berührung abfließen und sich über mich in den Boden entladen. Wenn die Spannung wieder steigt, spreche ich ihn leise an: „Ich sehe, für dich ist es hier gerade sehr laut. Ich bin bei dir.“ Mehr braucht es nicht.
Wenn Oskar seine Hand zurückzieht, den Blick löst und sich etwas aus seiner Frühstücksbox nimmt, weiß ich: Die Koregulation hat stattgefunden, Sicherheit ist wieder spürbar genug. Ohne dass Oskar über Sicherheit sprechen könnte, wird zwischen uns verhandelt, wie sicher er sich fühlt. Lautieren, wandernder Blick, angespannte Haut und Muskulatur verwandeln sich Schritt für Schritt in ruhigere Atmung, ruhigere Stimme, ruhigere Bewegungen.
Was dieses Beispiel zeigt
Oskars Verhalten ist kein „Fehlen von Gefühl“, sondern Ausdruck von zu viel Gefühl unter zu viel Reiz. Studien betonen, dass autistische Kinder besonders anfällig für emotionale Überlastung in sensorisch intensiven Situationen sind und dass herausforderndes Verhalten oft mit Emotion Dysregulation verknüpft ist. Was von außen als „Aggression“ erscheint, ist häufig eine Kombination aus Stresssignal, Selbstschutzversuch und Notfallregulation.
- Stimming und scheinbar „auffällige“ Bewegungen sind in diesem Licht eine Sprache des Körpers. Sie zeigen an, dass etwas zu viel, zu laut, zu nah oder zu schnell geworden ist – oder im Positiven: dass etwas stark berührt oder begeistert. Wer nur auf das sichtbare Verhalten reagiert („Er stört“), verpasst die darunterliegende emotionale Botschaft.
- Gleichzeitig macht Oskars Beispiel deutlich, wie wichtig Koregulation ist. Emotionsforschung zeigt, dass Kinder – und besonders autistische Kinder – Selbstregulation darüber lernen, dass zunächst jemand anderes mit ihnen reguliert: präsent, ruhig, vorhersagbar. Lehrkräfte, die bewusst als „Co-Regulator*innen“ handeln, helfen Kindern nachweislich dabei, Belastung wieder herunterzufahren, statt sie eskalieren zu lassen.
- Autistisches Fühlen findet also nicht weniger statt, sondern anders und oft sichtbarer im Körper als in Worten. Wo Erwachsene bereit sind, diese Körpersprache ernst zu nehmen und sich als verlässliche Ko-Regulationspartner zur Verfügung zu stellen, wird aus „Verhaltensproblem“ eine Beziehungssituation – und aus „disziplinieren“ ein gemeinsames Regulieren. Genau dort beginnt eine wirklich inklusive Sicht auf Gefühlsleben und Ausdruck autistischer Menschen.

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