Autistisches Fühlen ist selten laut – oft aber radikal verkörpert, nüchtern benannt und innerlich hochdifferenziert.
Wie ist es, wenn Gefühle eher als Kugel im Bauch oder Licht im Prisma erlebt werden als als „Freude“ oder „Wut“?
Im Gespräch mit einer Kollegin „auf dem Spektrum“, wie ich, und ebenfalls als Neurodivergenzcoach tätig, sprachen wir über unsere Gefühle. Nicht abstrakt, sondern sehr konkret:
- Welche Worte verwenden wir für unsere Gefühle – uns selbst gegenüber und nach außen?
- Auf welche Weise nehmen wir Gefühle überhaupt wahr?
- Wo in uns verankern wir sie?
Wir stellten schnell fest: Unsere innere Sprache unterscheidet sich deutlich von der, die wir nach außen benutzen. Im inneren Dialog kommen wir weitgehend ohne explizite Gefühlswörter aus. Stattdessen beschreibt diese innere Sprache ein feines, differenziertes Körperempfinden – fast vorsprachlich –, das wir nach außen nur stark vereinfacht und oft unzureichend in Worte bringen.
Gleichzeitig erkannten wir bei uns beiden eine Art gefasste, neutrale Grundstimmung. In dieser Grundstimmung sind Gefühle eher als potenziell aktivierbare Zustände präsent. Erst äußere Reize – Situationen, Menschen, Geräusche, Gerüche, Worte – „schalten“ diese Zustände an. Die erste Reaktion ist körperlich und seelisch unmittelbar spürbar und lässt sich für uns entlang von Zustandsachsen beschreiben:
- geweitet – beengt (Brust, Blutgefäße, Haut)
- leicht – beschwert (Gliedmaßen, Stimmung)
- ruhig – agitiert (Herzschlag, Blutfluss, inneres Tempo)
Welches Gefühl „dahinter“ oder „darüber“ sitzt, braucht dagegen Kopfarbeit. Situationsanalyse, Mustererkennung und Rückkopplung mit der Innenwahrnehmung führen dann zu Begriffsfeldern wie Freude, Wut, Erleichterung, Enttäuschung. Diese Beschreibung deckt sich gut mit Forschung zu Alexithymie in Autismus: Viele Autist*innen können sehr wohl unterscheiden, ob sich etwas „gut“ oder „schlecht“ anfühlt, haben aber Schwierigkeiten, diese Zustände in standardisierte Emotionswörter zu übersetzen.
Je nach Gegenüber wählen wir schließlich ein Wort, das a) unsere komplexe Wahrnehmung maximal verkürzt und noch halbwegs stimmig wiedergibt und b) mit hoher Wahrscheinlichkeit verstanden und geteilt wird. In diesem Moment sind wir wieder im Lernfeld „Neurotypisch als Zweitsprache“: Wir bringen einen körperlich-feinen Eindruck in ein kulturell geprägtes Vokabular.
Als wir über Bilder sprachen, hatten wir beide sofort innere Metaphern parat. Meine Kollegin beschrieb ihre Gefühle als Kugel im Bauchraum: In dieser Kugel sind alle Gefühle als Gesamtheit enthalten, in einem dynamischen Gleichgewicht. Ereignisse, Reize, Erfahrungen versetzen diese Kugel in Bewegung; je nachdem, wie sie kippt, verändert sich ihre Stimmung.
Mir kam das Bild eines Prismas. Ein klarer, vielseitiger Körper, auf den Reize treffen, gebrochen werden, sich in Nuancen auffächern und als gebündelte Strahlen wieder austreten – spürbar in Veränderungen meines Körperempfindens: Weite im Brustkorb, Druck im oberen Bauchraum, Kribbeln in den Händen. Ist das nun Freude, Trauer, Wut? Zuerst ist es Körperempfinden, das Orientierung gibt: Hinwendung oder Abkehr von Situationen, Gerüchen, Menschen, Gegenständen. Meine mentale Wortliste würde dafür Begriffe wie „Angst“ und „Freude“ bereithalten – aber sie kommt nachgelagert.
Forschung zu Interozeption in Autismus bestätigt genau dieses Bild: Viele Autist*innen nehmen innere Signale (Herzschlag, Spannung, Atmung, „Kloß im Hals“) sehr deutlich wahr, der Schritt von der körperlichen Resonanz zur sprachlichen Benennung ist jedoch oft erschwert und mit mehr kognitiver Arbeit verbunden. Meta-Analysen zeigen, dass dabei nicht „Autismus an sich“, sondern häufig die begleitende Alexithymie den Zugang zu Gefühlen erschwert – während das innere Empfinden selbst durchaus differenziert sein kann.pmc.ncbi.nlm.nih+3
Dazu passt, dass wir beide unsere Wahrnehmung als stark gekoppelt an äußere Sinneseindrücke erleben. Visuelle, akustische, taktile Reize schlagen unmittelbar im Körper an – oft stärker, als das Umfeld es ahnt. Exterozeption (Wahrnehmung von außen) und Interozeption (Wahrnehmung von innen) verstärken einander. Bei vielen neurodivergenten Menschen kommt Synästhesie hinzu: Buchstaben haben Farben, Stimmen schmecken, Schmerz hat „Material“ oder Temperatur. So ist ein A für mich violett, ein bestimmter Schmerz rostig, eine Stimme sauer wie eine Zitrone und gelb wie gleißendes Licht. Studien zu Synästhesie und Autismus weisen darauf hin, dass diese Koppelungen häufiger auftreten und mit erhöhter sensorischer Empfindlichkeit einhergehen.
Zwei Befunde aus der Forschung lassen sich hier noch ergänzen:
- Alexithymie bei Autist*innen ist nicht nur häufig, sondern eng mit Angst, Depression und sozialen Missverständnissen verbunden – nicht, weil keine Gefühle da wären, sondern weil sie schwer in „kommunikable Pakete“ übersetzt werden können.
- Metaphern und bildhafte Sprache können gerade für autistische Menschen ein produktiver Zugang zur eigenen Gefühlswelt sein, wenn sie an Körperempfinden und konkrete Erfahrung anknüpfen. Therapeutische Studien zeigen, dass gemeinsam entwickelte Metaphern (wie Kugel und Prisma) helfen, innere Zustände sichtbar, besprechbar und teilbar zu machen.
Vor diesem Hintergrund sind Kugel und Prisma nicht „nur Bilder“, sondern hochpräzise Selbstbeschreibungen eines autistischen Fühlens: körpernah, differenziert, aber nicht automatisch in die gewohnten Emotionswörter übersetzt.
Zehn Empfehlungen für neurodivergenzsensible Kommunikation (in beide Richtungen)
1. Körperempfindungen ernst nehmen
- Neurodivergent → Neurotypisch: „Ich merke zuerst meinen Körper: enge Brust, schneller Puls, flacher Atem – das ist für mich ein Hinweis, dass mich etwas belastet, auch wenn ich das Gefühl noch nicht benennen kann.“
- Neurotypisch → Neurodivergent: „Wenn du magst, beschreib mir erst, was du körperlich spürst – wir müssen das Gefühl nicht sofort in ‚Freude‘ oder ‚Ärger‘ übersetzen.“
2. Zeit geben, Gefühle in Worte zu bringen
- Neurodivergent → Neurotypisch: „Ich brauche manchmal etwas Zeit, um ein Gefühl in Worte zu fassen. Ich fange daher oft mit ‚Es fühlt sich so an, als …‘ an.“
- Neurotypisch → Neurodivergent: „Du musst nicht sofort ein Gefühlswort nennen. Wir können auch gemeinsam suchen, was dazu passt.“
3. Gefühlswörter nicht erzwingen
- Neurodivergent → Neurotypisch: „Wenn ich statt ‚Ich bin wütend‘ sage ‚Das fühlt sich eng und hektisch an‘, ist das kein Ausweichen – es ist meine präzisere Beschreibung.“
- Neurotypisch → Neurodivergent: „Es ist okay, wenn du bei Körperempfindungen bleibst. Ich nehme das ernst, auch ohne klassisches Etikett.“
4. Metaphern als Brücke nutzen
- Neurodivergent → Neurotypisch: „Es hilft mir, über Bilder zu sprechen – zum Beispiel fühlt sich meine Gefühlslage gerade wie eine wackelige Kugel an.“
- Neurotypisch → Neurodivergent: „Gibt es ein Bild, das das für dich beschreibt – eher wie etwas Schweres, etwas Enges, etwas Helles?“pmc.ncbi.nlm.nih
5. Direkte Signale senden
- Neurodivergent → Neurotypisch: „Wenn ich still zuhöre, bin ich meistens interessiert, nicht gelangweilt. Ich sag’s dazu, wenn ich gedanklich weg bin.“
- Neurotypisch → Neurodivergent: „Nur zur Klarstellung: Wenn ich jetzt nicke, heißt das: Ich nehme dich ernst, nicht nur ‚Ich will zum Ende kommen‘.“
6. Rückfragen normalisieren
- Neurodivergent → Neurotypisch: „Ich frage manchmal nach: ‚Meinst du XY damit?‘ – das ist kein Widerstand, sondern mein Versuch, dich genau zu verstehen.“
- Neurotypisch → Neurodivergent: „Wenn du nachhakst oder Details wissen willst, lese ich das als Interesse, nicht als Kritik an mir.“
7. „Neutral“ nicht als „kalt“ deuten
- Neurodivergent → Neurotypisch: „Mein Ton klingt oft neutral, auch wenn ich innerlich sehr mit dir bin. Wenn dir Rückmeldung wichtig ist, sag mir das ruhig.“
- Neurotypisch → Neurodivergent: „Nur weil du sachlich klingst, nehme ich dir Empathie nicht ab – ich frage lieber: ‚Wie ist das für dich innerlich?‘“
8. Reizlage transparent machen
- Neurodivergent → Neurotypisch: „Wenn ich gereizt wirke, kann das auch an Lärm, Licht oder Gerüchen liegen. Das hat nicht automatisch mit dir zu tun.“
- Neurotypisch → Neurodivergent: „Magst du mir sagen, ob gerade eher der Inhalt schwierig ist oder die Umgebung? Dann kann ich besser unterstützen.“
9. Fehlende Worte nicht mit fehlenden Gefühlen verwechseln
- Neurodivergent → Neurotypisch: „Wenn ich sage ‚Ich weiß nicht, was ich fühle‘, heißt das nicht, dass da nichts ist – nur, dass ich es gerade nicht gut benennen kann.“
- Neurotypisch → Neurodivergent: „Ich höre, dass da etwas los ist, auch wenn die Worte fehlen. Wir können beim ‚nicht wissen‘ bleiben, ohne Druck.“
10. Gemeinsame Sprache aushandeln
- Neurodivergent → Neurotypisch: „Lass uns ein paar Worte oder Skalen finden, die für uns beide funktionieren – z.B. von 1 (sehr eng) bis 10 (sehr weit).“
- Neurotypisch → Neurodivergent: „Wir müssen nicht dieselben Wörter benutzen wie im Ratgeber. Hauptsache, wir wissen beide, was ‚weit‘, ‚eng‘ oder ‚laut‘ für dich bedeutet.“
Zum Deep Dive:
Bennett, J. (2024). Developing the emotion regulation skills of autistic pupils in school settings. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1471-3802.12646
Glass, D. et al. (2025). Emotion regulation in autistic adolescents: a mixed methods study. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12801607/
Mul, C. L. et al. (2014). Autism, interoception and body awareness. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25498876/
Northrup, J. B. (2025). Early Childhood Emotion Regulation and Co-Regulation. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1471-3802.12646
Rucińska, Z. (2021). Embodied imagination and metaphor use in autism. https://www.mdpi.com/2227-9032/9/2/200

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