Schulen als sichere Orte
Sicherheit und Resilienz als Lernvoraussetzung stärken
von Peter Ehrich
Die Schule des 21. Jahrhunderts ist mehr als nur ein Lernort. Schulen müssen Orte der Sicherheit sein, denn emotionale und soziale Stabilität sind grundlegende Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen. Dieser Beitrag beleuchtet, warum ein sicheres Umfeld so wichtig ist – und welche Ansätze Schulen nutzen können, um eine unterstützende und geschützte Lernatmosphäre zu schaffen.
Jeden Morgen Bauchschmerzen
„Ich habe jeden Morgen Bauchschmerzen“, sagt Mirja in der Lernberatung. Sie ist in der fünften Klasse einer Gesamtschule, aufgeschlossen, wissbegierig, mit Freude am Lernen und einem feinen Gespür für ihre Umgebung. Doch seit zwei Jahren begleiten sie diese Bauchschmerzen. „Es ist, als würde alles, was mir Sorgen macht, wie ein Stein in meinem Bauch hin und her rollen.“
Mit leiser Stimme erzählt sie von dem, was sich in ihr aufstaut. Nicht ein einzelnes Problem, sondern ein Geflecht aus Unsicherheiten. Die Unruhe in den Pausen. Die Blicke im Flur. Die Bemerkungen, die nicht verletzend gemeint sind und doch haften bleiben. Die Enge des Klassenzimmers, die Hektik des Stundenplans. Die Erwartungen, die sie an sich selbst stellt, weil sie glaubt, dass andere sie von ihr erwarten. Hausaufgaben, Abgaben, Prüfungen. Unterschwellig drängt sich die Frage auf, ob sie all das bewältigen kann, ohne dass ihr Körper sich weiter sträubt.
Hinter diesen Bauchschmerzen steht mehr als Prüfungsstress oder momentane Überforderung. Es ist eine Unsicherheit, die den gesamten Schulalltag durchzieht, ein feines, ständiges Vibrieren, das sich nicht greifen lässt und doch immer da ist.
Sicherheit als Grundbedingung schulischen Lernens
Sicherheit ist weit mehr als der Schutz vor körperlicher Gewalt oder bauliche Maßnahmen zur Unfallvermeidung. Sie schließt emotionale Stabilität ein, die sich aus klaren, verlässlichen Strukturen und sozialen Bindungen speist. Sicherheit bedeutet, einen Raum zu haben, in dem Fehler ohne Angst vor Beschämung gemacht werden können. Sie bedeutet, als ganze Person wahrgenommen zu werden – unabhängig von Herkunft, familiärem Hintergrund, psychischer oder physischer Verfassung.
Schulen bestehen nicht nur aus Wänden, Fluren und Stühlen, sondern aus Menschen, deren Interaktionen darüber entscheiden, ob ein Ort als sicher empfunden wird. Lehrkräfte, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Atmosphäre schaffen. Mitschülerinnen und Mitschüler, die in Gruppen Ein- und Ausschlüsse definieren. Strukturen, die Kindern das Gefühl vermitteln, entweder zu bestehen oder zu versagen.
Sicherheit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein dynamischer Zustand, der fortwährend hergestellt werden muss. Sie entsteht dort, wo Schule als sozialer Raum gedacht wird, nicht nur als Lerninstitution.
Sichere Räume
Schulen als sichere Orte erkennt man an einer offenen, hellen Architektur. Weitläufigkeit, klar strukturierte Bereiche und einsehbare Nischen vermitteln zugleich Freiheit und Geborgenheit. Orientierung geben prägnante Symbole und Beschilderungen. Große Fensterflächen und Sichtausschnitte in Klassenzimmern sorgen für Helligkeit und Transparenz, während Geräuschdämmung und Abdunklungsmöglichkeiten Schutz vor Reizüberflutung bieten.
Sichere Räume sind lebendige Räume. Arbeits- und Klassenräume, die das Lernen sichtbar machen – durch Produktregale, Posterwände oder Bildergalerien – zeugen von individueller Wertschätzung. Regeln, Werte und übergreifende Strukturen werden nicht nur vorgegeben, sondern durch gemeinsam entwickelte Rituale erlebbar. So entsteht eine Atmosphäre der Verlässlichkeit, in der pädagogisches Handeln nicht beliebig, sondern konsistent ist.
Sicherheitsvermittelnde Haltung und Werte
Schulen als sichere Orte beruhen auf einer entschiedenen Haltung der Akzeptanz – für alle Menschen, unabhängig davon, ob sie Lernende, Lehrkräfte, Verwaltungskräfte oder Gäste sind. Herabsetzende Äußerungen oder Beleidigungen bleiben nicht unkommentiert. Sie werden bewusst zum Anlass genommen, um Vielfalt sichtbar zu machen, Differenzen auszuhalten und einen gemeinsamen Austausch zu ermöglichen. Gleichzeitig setzen Schulleitung und Lehrkräfte klare Grenzen: Die persönliche Integrität jedes Menschen ist unverletzlich – sie ist die Basis für ein respektvolles Miteinander und eine funktionierende Gesellschaft.
Diese Haltung zeigt sich nicht nur in Worten, sondern auch in der Praxis. Leitung und Lehrkräfte stehen sichtbar für Wertschätzung statt Zynismus. Sie hören nicht nur hin, sondern handeln. Sie unterrichten nicht nur Fächer, sondern begleiten Menschen in ihrem Lernen und Wachsen.
Schulen als sichere Orte setzen klare, aber unterstützende Anforderungen an Lernen und Arbeiten. Sie eröffnen individuelle Lernwege durch differenzierte Angebote und vielfältige Zugänge – sei es durch handlungsorientiertes Tun oder abstrakt-kognitives Denken. Beides wird nicht getrennt betrachtet, sondern miteinander verknüpft, etwa durch projektbasiertes Lernen über Fächer- und Jahrgangsgrenzen hinweg, innerhalb und außerhalb der Schule.
Im Zentrum steht nicht die Norm, sondern die Vielfalt. Schulen als sichere Orte erkennen Lernende in ihren individuellen Stärken, Interessen und Bedürfnissen. Sie gestalten Didaktik und Pädagogik so, dass Entwicklung und Erfolge in einem unterstützenden Rahmen stattfinden können. Fehler sind hier keine Misserfolge, sondern selbstverständliche Bausteine des Lernens – sie werden nicht sanktioniert, sondern als Lernchance gewürdigt.
Sichere Schulen erkennen, dass Lernen mehr ist als reine Wissensvermittlung. Lehrkräfte begleiten ihre Schülerinnen nicht nur in der Lernentwicklung, sondern achten auch auf emotionale und unausgesprochene Signale – behutsam und professionell. Sie nehmen wahr, hören hin und suchen das Gespräch mit Schülerinnen, Eltern oder bei Bedarf mit Schulsozialarbeiterinnen und beratenden Stellen. Dabei bleiben sie in ihren professionellen Grenzen: Sie sind keine Therapeutinnen, aber sie gestalten einen Raum, in dem Sorgen nicht übersehen werden.
Sichere Schulen werden gestützt durch eine Leitung, die diese Grenzen anerkennt, Lehrkräfte in ihrer Entwicklung unterstützt und sie gleichzeitig ermutigt, überfordernde Anforderungen abzugeben. Multiprofessionelle Teams sind eine unverzichtbare Ressource, um Lehrkräfte zu entlasten und Schüler*innen bestmöglich zu begleiten.
Schule und darüber hinaus
Sicherheit in der Schule endet nicht an der Klassenzimmertür. Neben innerer Sicherheit – der Atmosphäre, den Werten, den Menschen – braucht es ebenso äußere Sicherheit: Verlässliche Strukturen, nachhaltige Ressourcen und politische Stabilität. Das Projekt „Sichere Schule“ kann nur gelingen, wenn Sicherheit auf mehreren Ebenen gewährleistet ist.
Ressourcensicherheit
Schulen – insbesondere jene in sozial benachteiligten Stadtteilen – brauchen eine bedarfsgerechte, eigenverantwortliche Ausstattung mit finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen. Geldmittel müssen sich am realen Bedarf orientieren, nicht an bürokratischen Haushaltszyklen. Schulen sollten ihre Mittel eigenständig verwalten können, langfristig planen und ungenutzte Ressourcen ins nächste Haushaltsjahr übertragen dürfen.
Zur Eigenverantwortung gehört auch die Hoheit über die Auswahl von Lehrkräften und Mitarbeitenden. Wer Lernende als Menschen sieht, wer Pädagogik und Didaktik auf Augenhöhe stellt, braucht Lehrkräfte, die sich dieser Aufgabe mit Überzeugung stellen – nicht bloß Planstellen, um Fachlücken zu füllen.
Planungssicherheit
So wie sich Schulbudgets von einem Quartal zum nächsten ändern können, so wechselhaft ist der politische Wind, dem Schulen ausgesetzt sind. Sicherheit bedeutet auch, dass Schulen verlässliche bildungspolitische Rahmenbedingungen und standortspezifische Gestaltungsfreiräume haben. Wenn sich bildungspolitische Vorgaben mit jeder Wahlperiode ändern, entsteht eine Unsicherheit, die tief in den Schulalltag hineinwirkt. Pädagogische Konzepte brauchen Beständigkeit – nicht wechselnde Reformen ohne langfristige Perspektive.
Keine Schule für sich allein
Lernen in Gruppen stärkt fachlich und fordert Lernende persönlich. Schulentwicklung und Beratung im multiprofessionellen Team eröffnen Lehrkräften neue Perspektiven auf ihr Handeln und erweitern ihren Handlungsspielraum.
Schulen, die sich in Entwicklungsverbünden zusammenschließen, profitieren von Netzwerken, die Impulse, Feedback und Unterstützung bieten – und gleichzeitig Raum für eigenes Wissen und Expertise schaffen. Schulen, die auf Kooperation setzen, steigern ihre Resilienz gegenüber sich wandelnden Rahmenbedingungen sowie politischen und ideologischen Wechseln. Resiliente Schulnetzwerke schaffen eine entscheidende Grundlage für ein sicheres Schulklima – und damit für Schulen als sichere Orte; und Mirja könnte wieder ohne Bauchschmerzen zur Schule gehen.
In Sicherheit lernen – in Sicherheit leben
Sichere Schulen erkennen, dass Lernen mehr ist als reine Wissensvermittlung. Mit ihrem Gespür für die Bedürfnisse ihrer Schüler*innen können Lehrkräfte Räume schaffen, in denen emotionale Signale gesehen und ernst genommen werden – behutsam und professionell.

Du willst mehr wissen?
Wenn du noch tiefer in das Thema Schulen als sicher Orte eintauchen möchtest, findest du hier spannende weiterführende Quellen:
- Anschaulich und fundiert: Wölfl, Edith. Sensible Schule: Emotional und sozial belastete Kinder verstehen und fördern. Beltz: 2022.
- Konkrete Informationen und Material online: https://www.savethechildren.de/informieren/einsatzorte/deutschland/schutz-von-kindern/asap/
- Für den Einsatz in der Klasse: https://www.unhcr.org/wp-content/uploads/sites/27/2023/12/AT_UNHCR_Traumahandbuch_Auflage7_KAPITEL3.pdf
Bildnachweise: stefany-andrade-bZ1N6HWpqbQ-unsplash

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