Diagnose, Defizit und Störung – oder einfach nur anders?

Diagnosen als Spiegel und Projektionsflächen

von Peter Ehrich

„Der ist halt anders“. Diesen Satz hören Lehrkräfte oft – in Gesprächen im Lehrerzimmer, von Eltern, manchmal auch als Selbstbeschreibung eines Kindes. Und oft schwingt etwas Unausgesprochenes mit: eine Mischung aus Ratlosigkeit, Sorge und der Frage, wie viel Anderssein in einem System möglich ist, das so stark auf Vergleich und Kategorisierung setzt. Spätestens wenn Begriffe wie ADHS, Autismus, LRS oder „Schulverweigerung“ ins Spiel kommen, ändert sich etwas. Das Kind wird zur Akte. Die Wahrnehmung verschiebt sich – vom Verhalten zur Diagnose, vom Menschen zur Kategorie. Und genau hier wird es spannend. Denn Diagnosen können helfen, entlasten, Türen öffnen. Aber sie können auch begrenzen, stigmatisieren, ausschließen. Sie sind nicht neutral – weder in ihrer Sprache noch in ihrer Wirkung. Was bedeutet das für Schule? Für pädagogische Verantwortung? Für die Sicht auf Vielfalt im Klassenzimmer?

Dieser Text lädt ein, einen Schritt zurückzutreten – und die Frage zu stellen:
Was machen Diagnosen eigentlich mit unserem Blick auf Kinder? Und wie können wir eine Sprache finden, die Raum schafft statt Enge?

Oskars Frage

„Was würde sich denn ändern, wenn ich eine Diagnose hätte?“ fragte der vierzehnjährige Oskar – halb sich selbst, halb seinen Lehrer –, am Ende eines langen gemeinsamen Gesprächs über sein Lernen in der Schule.
Oskar ist ein aufgeschlossener Jugendlicher – reflektiert, wach, manchmal fast gedankenschwer.
„Ich glaube, ich bin ein Overthinker“, sagt er über sich selbst. „Das ist nicht immer leicht.“
Er besitzt eine feine Wahrnehmung für seine Fähigkeiten, stellt viele Fragen – und immer wieder auch sich selbst infrage. Er weiß genau, wie sein Gehirn funktioniert:
„Ich mache schnell dicht, wenn es zu hell wird. Schnelle Bewegungen. Laute Gespräche. Licht. Das macht mir alles Kopfschmerzen.“


Sein Lehrer hört aufmerksam zu – und denkt zunächst an Hochsensibilität. Doch je länger Oskar spricht, desto klarer wird: Hier geht es um mehr als um Reizempfindlichkeit.
Oskars Strategie ist es, sich auszuklinken. Dicht zu machen.
„Ich träume mich einfach weg. Spiele an meinem Ärmel oder an meiner Uhr. Das bringt mich runter. Dann geht gar nichts mehr. Schon gar nicht Lernen.“
Besonders beim Lesen und Schreiben fällt es ihm schwer, sich zu konzentrieren.
Er vermeidet Schreibaufgaben geschickt – oft charmant, indem er das Gespräch mit seiner Lehrkraft sucht, scheinbar unvermittelt persönliche Fragen stellt, sein Material sortiert oder um eine Trinkpause bittet. Alles, um der Anforderung zu entkommen.


„Wenn ich lesen oder schreiben soll, halte ich diese Ruhe nicht aus“, sagt er. „Da ist immer etwas in mir, das sich bewegt. Und ich bekomme einfach alles mit – hier drin und draußen hinter dem Fenster.“
Nach einer Weile bekennt Oskar:
„Ich frage mich schon länger, ob ich ADHS habe. Aber ich traue mich nicht zum Arzt.“


Seine Lehrkraft fragt behutsam: Was würde eine Diagnose für ihn bedeuten?
Oskar zuckt die Schultern. „Ich weiß es nicht richtig. Vielleicht darf ich dann einfach so sein. Aber was ändert das? Ich bin doch dann immer noch so, wie ich bin.“


Oskars Frage hallt nach. Lange.
Sie berührt den Kern einer pädagogischen und gesellschaftlichen Debatte: Wozu eigentlich Diagnosen? Was richten sie an – und was richten sie aus?


Vielleicht ist es genau diese Frage, die Oskar längst für sich beantwortet hat – ganz ohne Diagnose.


Dieser Text lädt ein, einen Schritt zurückzutreten – und die Frage zu stellen:
Was machen Diagnosen eigentlich mit unserem Blick auf Kinder? Und wie können wir eine Sprache finden, die Raum schafft statt Enge?

Diagnosen zwischen Urteil und Zuflucht

Oskars Frage führt uns mitten hinein in ein Spannungsfeld: zwischen Zuschreibung und Anerkennung, zwischen Schutz und Urteil.

Diagnosen sind kriteriengestützte, kategoriale Aussagen über einen Menschen. Sie beruhen auf wissenschaftlichen Konzepten und erfordern von der diagnostizierenden Person eine ausgewiesene – oder auch zugeschriebene – meist akademische Kompetenz.

Doch Diagnosen sind mehr als Klassifikationen. Sie sind Sprechakte – und als solche mehrdimensional.

Friedemann Schulz von Thun beschreibt in seinem Vier-Ohren-Modell vier Ebenen, auf denen Sprache wirkt:
Die Sachebene, die Selbstaussage, die Beziehungsebene und den Appell.
Das gilt auch für diagnostische Aussagen.

Auf den ersten Blick erscheinen Diagnosen sachlich, objektiv, neutral – als reine Feststellung eines Zustandes.
Doch ihr Sinn erschließt sich nicht allein aus der Aussage selbst, sondern aus dem Zusammenspiel von Intention der sprechenden und Interpretation der empfangenden Person.

Die vermeintlich neutrale Aussage „Du hast ADHS“ wird dadurch vielschichtig:
• Bedeutet sie: „Dies ist mein fachliches Urteil über dich“? (Selbstaussage)
• Oder: „Du bist anders – du brauchst Hilfe“? (Beziehungsebene)
• Oder gar: „Du solltest dich ändern / etwas dagegen tun“? (Appell)

Diagnosen sind also keine bloßen Sachaussagen. Sie sind Ladungsträger – voller impliziter Bedeutungen, Vorstellungen, Beziehungsaussagen und Machtdynamiken.

Sie sprechen nicht nur über den Menschen, dem sie gelten, sie sprechen mit ihm – und manchmal über ihn hinweg.

Die trügerische Objektivität medizinischer Sprache

Natürlich wissen auch Mediziner*innen, Ärzt*innen und Psycholog*innen: Diagnosen sind keine reinen Tatsachenbehauptungen. Sie entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern immer im Bezug auf Menschen – und auf das Bild, das wir uns von ihnen machen.

Ursprünglich diente der International Classification of Diseases (ICD) als statistische Klassifikation von Todesursachen – ohne konkrete Definitionen oder Diagnosekriterien. Erst mit dem ICD-10 wurden ab 1983 systematisch Klassifizierungen physischer und psychischer Krankheiten zusammengetragen. Die Kriterien wurden 1990 von der Weltgesundheitsversammlung gebilligt und 1994 erstmals zur Anwendung zugelassen.

ADHS etwa wird im ICD-10 unter dem Begriff „Hyperkinetische Störung“ (F90.0) erfasst. Die Diagnose stützt sich auf Symptome wie:
• Unaufmerksamkeit (z. B. Abschweifen, Flüchtigkeitsfehler, geringe Ausdauer),
• Überaktivität (Zappeln, motorische Unruhe, exzessive Bewegungen),
• Impulsivität (voreiliges Antworten, geringe Impulskontrolle, Unterbrechen anderer).

Doch die dabei verwendete Sprache ist alles andere als neutral: Sie ist geprägt von Vorsilben wie „hyper-“, „un-“, „über-“, Begriffen wie „desorganisiert“, „mangelhaft reguliert“, „überschießend“. Ein solcher Sprachgebrauch richtet sich nicht nur an Symptomen aus, sondern an einem stillschweigenden Maßstab: einer als „normal“ gesetzten Mehrheit. Wer davon abweicht – zu viel oder zu wenig –, wird zur Abweichung erklärt. Die „Störung“ entsteht im Kontrast zur statistischen Norm. Und der Mensch wird zum Träger dieser Abweichung: zum Symptomträger einer Störung.

So wird die Diagnose selbst – zumindest in bedeutenden Teilen – ein Urteil: über den Normalitätsbegriff, das Menschenbild und die diagnostische Perspektive der Urteilenden. Und oft weit mehr als über die Eigenschaften der Beurteilten.

Die Revision des ICD-11 im Jahr 2022 ersetzt die „Hyperkinetische Störung“ durch die „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ (ADHS, Code 6A05). Dort heißt es:

„ADHS ist durch ein anhaltendes Muster (mindestens 6 Monate) von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität gekennzeichnet, das sich unmittelbar negativ auf das schulische, berufliche oder soziale Funktionsniveau auswirkt […] wobei die Symptome je nach Gegebenheiten und Anforderungen der Umgebung variieren können.“

Es scheint, als öffne sich mit dem Begriff „variieren“ ein Möglichkeitsraum: einer, in dem Menschen nicht länger nur als Abweichung von einer Norm gelten, sondern als Teil eines dynamischen Spektrums psychischer und neurologischer Vielfalt. Neuronale Merkmale erscheinen – wenigstens kurz – nicht mehr als Defizit, sondern als schillernde Steinchen im Kaleidoskop der Neurodivergenz.

Doch bei genauerem Hinsehen bleibt vieles beim Alten – oder wird in neuer Sprache fortgeschrieben.
Die „Hyperkinetische Störung“ wird zur „Defizit-Störung“ – das Zuviel (hyper-) weicht dem Zuwenig (Defizit).
Die Begrifflichkeiten wandeln sich, doch die Perspektive bleibt:
Ein Denken, das vom Mangel ausgeht – nicht vom Potenzial.

Etikettierung durch Sprache – und ihre Folgen

Dass die hier bewusst detaillierte Lesart des im ICD kodifizierten Sprachgebrauchs mehr ist als reine Wortklauberei, zeigt der Fachjargon, der längst Einzug in Schulen und Familien gehalten hat: Wenn Pädagoginnen und Eltern ganz selbstverständlich von ADHS, LRS, ASS oder Dyskalkulie sprechen, wird diese Fachsprache zur stillschweigenden Ordnung alltäglicher Wahrnehmung. Wer „nur“ eine Leserechtschreibschwäche hat, kommt vergleichsweise glimpflich davon.

Wer sich jedoch auf dem Autismusspektrum verortet, lebt weiterhin mit einer „Spektrumsstörung“. Menschen mit Aufmerksamkeitsprofilen zwischen Hyperfokus und Reizoffenheit erhalten nach wie vor die Diagnose einer „Aufmerksamkeits-Defizit-Störung“ – ein Begriff, der gleich doppelt negativ konnotiert: als defizitär und störend.

Solche Begriffe tun mehr als beschreiben. Sie urteilen, werten, pathologisieren – und sie personalisieren das Problem: Die Person selbst wird zur Repräsentation von Störung und Mangel.

Doch: Wer stört hier eigentlich wen? Wer entscheidet, was als „Störung“ gilt? Noch immer sind es die Vertreterinnen der sogenannten Mehrheit, die über die Abweichung urteilen – dabei ist Mehrheit keine Norm. Norm beinhaltet immer auch ihre Abweichung.

Diagnosen als vielgesichtige Spiegel

Diagnosen sind nicht neutral. Sie sind Sprechakte, die aus machtvollen Kontexten hervorgehen – gesellschaftlich verankert, wissenschaftlich tradiert. Und sie wirken in viele Richtungen:

  • Als Machturteil: Diagnosen können als ein Machturteil verstanden werden, bei dem ein fachlich und professionell höhergestellter Diagnosesteller über einen zu diagnostizierenden Menschen spricht. In diesem Prozess wird ein Urteil darüber gefällt, was an Verhalten oder Erleben noch als krank oder gesund, zulässig oder unzulässig usf. gilt – und was nicht mehr. Die Diagnose ordnet den Menschen damit bestimmten Normen und Kategorien zu und spiegelt zugleich gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität und Abweichung wider.
  • Als Projektionsflächen: Diagnosen können als Projektionsflächen verstanden werden. Sie spiegeln das gesellschaftliche Ideal wider, wie man zu sein hat, und dienen zugleich als Ausdruck der Angst, selbst so zu sein oder zu werden. Gleichzeitig eröffnen sie die Hoffnung, durch die Diagnose eine Veränderung einzuleiten und nicht in dem diagnostizierten Zustand verharren zu müssen. Auf diese Weise verbinden Diagnosen individuelle Erfahrungen mit kollektiven Vorstellungen von Gesundheit, Normalität und Entwicklung.
  • Als Sehnsuchtsorte: Diagnosen können auch als Sehnsuchtsorte verstanden werden. Sie schaffen die Möglichkeit einer Zugehörigkeit unter Gleichen und bieten einen Raum, in dem Menschen so akzeptiert werden können, wie sie sind – ohne ständiges Hinterfragen oder den Druck, sich rechtfertigen zu müssen. In diesem Sinne eröffnen Diagnosen nicht nur Perspektiven auf Behandlung, sondern auch auf Gemeinschaft und Anerkennung.
  • Als Ressourcenschlüssel: Diagnosen können als Ressourcenschlüssel dienen: Sie eröffnen den Zugang zu Nachteilsausgleichen und ermöglichen Teilhabe, sichern medizinische Versorgung und begründen notwendige Anpassungen im sozialen und beruflichen Umfeld. So werden Diagnosen zu einem wichtigen Instrument, um individuelle Bedarfe sichtbar zu machen und konkrete Unterstützungsmaßnahmen einzuleiten.
  • Als Schutzraum: Diagnosen können zu einem Schutzraum werden. einem Ort, an dem das eigene, nicht-normative Selbst einfach sein darf, ohne sich ständig erklären oder rechtfertigen zu müssen. Sie bewahren das individuelle Anderssein davor, in Frage gestellt oder angepasst zu werden, und geben Raum, die eigene Einzigartigkeit in ihrer ganzen Würde anzuerkennen und zu bewahren.
  • Als Identitätsfundament: Diagnosen können zu einem wichtigen Fundament der eigenen Identität werden: Sie bieten Begriffe und Zugehörigkeiten wie „ich als ADHSler*in“ oder „wir Autist*innen“, die helfen, sich selbst zu verstehen und einzuordnen. Über diese Identifikation entsteht eine Form der Selbstabgrenzung – das Bewusstsein, dass bestimmte Erfahrungen oder Verhaltensweisen für einen selbst normal sind. Gleichzeitig kann die Diagnose als Schutz dienen, um sich gegen Infragestellungen oder Änderungsdruck von außen abzugrenzen: „Dass es bei mir so ist, kannst du nicht verstehen oder nachfühlen.“ Mitunter wird sie aber auch genutzt, um eigenes Verhalten nicht hinterfragen zu müssen – nach dem Motto: „Ich kann nicht anders.“

Diagnosen sind zugleich Stigma und Struktur, Urteil und Erlaubnis. Sie sind Hilfen – und Hindernisse. Sie sind, was Menschen aus ihnen machen.

Diagnosen sind keine Wahrheiten

Solange die Begriffe „Störung“ und „Defizit“ die erste Sprache bleiben, mit der neurodivergente Menschen beschrieben werden, bleibt auch die Perspektive auf Mangel und Problemhaftigkeit dominant. Erst ein dekategoriales Denken – eines, das Vielfalt nicht einteilt, sondern betrachtet – erlaubt es, die eigentlichen Ressourcen zu sehen.

Dazu gehört auch, den realen Leidensdruck ernst zu nehmen. Denn viele dieser Diagnosen erzählen nicht nur von inneren Zuständen, sondern auch von einem ständigen Nicht-Passen in die Welt der Mehrheit.

Vielleicht lässt sich Oskars Frage gar nicht endgültig beantworten.
Vielleicht bleibt sie – wie der Mensch selbst – offen, lebendig und im Wandel.

Diagnosen sind keine Wahrheiten – sie sind Spiegel. Und wie jeder Spiegel zeigen sie uns nicht nur das, was ist, sondern auch, wer hinsieht – und aus welchem Blickwinkel.

Du willst mehr wissen?

Wenn du noch tiefer in das Thema „Konstruktion und Wirkung von Diagnosen“ eintauchen möchtest, findest du hier spannende weiterführende Quellen:

Bildnachweise: https://www.fairnetzgmbh.de/de/stoerung


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